Dafür, dass Du behindert bist (…)

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Ich sitze in der Bibliothek, während ich diese Zeilen abtippe und heimlich Salzstangen knabbere. Da wiedermal eine Vorlesung ausgefallen ist und ich meine Zeit eigentlich sinnvoll mit lernen investieren wollte, tat ich so, als würde ich etwas Produktives tun, um mein Dasein in der Bibliothek vor den Anderen und mir selbst zurechtfertigen. Wie so oft, falle ich dabei jedoch in die Prokrastination und entscheide mich bei Facebook zu schauen, was so los ist. Als ich mir die Privatnachrichten über mein kürzlich veröffentlichtes Buch durchlese, fällt mir eines besonders auf. Sehr viele dieser Nachrichten haben den gleichen Inhalt: „Dafür, dass du so eingeschränkt bist, hast du wirklich viel erreicht. Dafür, dass du in so einer schwierigen Situation bist, finde ich es toll, was du machst. Dafür, dass du im Rollstuhl sitzt, sieht du sehr gut aus. Dafür, dass (….)“ Bei all diesen Nachrichten bin ich kurz davor zu schreiben „Dafür, dass ihr angeblich klar denken könnt, wirken eure Kommentare ziemlich beschränkt.“

Schlimmer geht es immer

Leider rechtfertigen viele Menschen sowohl meine Erfolge als auch meine Misserfolge mit meinem Rollstuhldasein. Ganz gleich, ob es nun im positiven oder negativen Sinne gemeint ist. Aber es geht immer noch schlimmer. Wie diese Formulierung noch schlimmer klingen können, fragt ihr euch? Hier ein paar Beispiele: „Als Rollstuhlfahrerin ist es ja klar, dass die Leute dein Buch auf jeden Fall kaufen werden.“ „Viele wollen wissen, wie ein Mensch – wie du – das alles wahrnimmt.“ „In deiner Situation ist es klar, dass du beruflich keine Probleme haben wirst.“ „Die müssen dich ja einstellen.“ „Da du im Rollstuhl sitzt, wirst du auch so schon bei der Veranstaltung auffallen, ohne dich anstrengen zu müssen.“

Sich dem „Schicksaal“ fügen

Ich habe auch kein blassen Schlimmer, warum diese Tatsache an mir immer hervorgehoben werden muss. Aber viele glauben, dass dies, eine Art Anredepflicht bei mir ist. Als müssten Gott und die Welt mir immer wieder klar machen: „Nicht du hast das geschafft oder verbockt, das war deine Behinderung. Deine Behinderung macht Fehler, deine Behinderung publiziert, deine Behinderung bewirbt sich. Also lehn dich zurück und füge dich gefälligst dieser Tatsache und hör auf so zu tun als wärst du normal.“

Keine Anforderungen

Das ist mit einer der Gründe, weshalb einige Menschen mit Behinderung dazu neigen, nicht mehr viel aus sich zu machen. Schließlich stellt man an gehandicapten Menschen keine allzu großen Anforderungen. Oder habt ihr schon mal gehört, dass irgendjemand mal zu einem Rollstuhlfahrer gesagt hat: „Du musst endlich mal deine Schule/Ausbildung abschließen, einen Job finden, heiraten, ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und Kinder bekommen?“ Nein? – Nun, ich auch nicht!

Der Klügere kippt nach

Ich habe mir gedacht, daraus ein Trinkspiel zu machen und bei jeder Nachricht, in der „dafür, dass (…)“ steht, einen Kurzen zu trinken. Gesagt, getan! Zuhause angekommen, spiele ich das Spiel mit einer Freundin. Ihr letzter Kommentar zu mir war: „Hey Arin, dafür, dass du so viel getrunken hast, kannst du noch ziemlich gut Rollstuhlfahren.“ 😉

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