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Zu behindert, um anständig diskriminiert zu werden


von Arin Jaafar | 23.10.2018
Seit langem habe ich keine Kolumne mehr geschrieben, da ich mir selbst wieder mal viel zu viel vorgenommen habe. Heutzutage kann man sich nicht mehr nur auf eine einzige Sache konzentrieren. Und obwohl ich weiß, dass ich bereits viel mehr tue, als so manch eine andere Studentin, lässt mich der Gedanke nicht los, mehr tun zu müssen als andere. Zwar weiß ich genau, dass niemand mir Druck macht und keiner von mir wirklich viel erwartet, doch die Erwartungen, die ich an mir selbst habe, sind umso höher.
Seit einem halben Jahr schreibe ich nicht mehr nur für die virtuelle Welt, sondern auch für ein Stadtteil Magazin. Eines der Themen, über die ich schreiben soll, ist Diskriminierung in der Sprache. Es klang sehr interessant und es hätte etwas Gutes werden können, aber nach meiner Besprechung bemerkte ich schnell, dass man von mir einen sehr klischeehaften Text erwartet. Es sollte um den Begriff „behindert“ gehen und welche persönlichen Erfahrungen ich zu diesem Thema habe.
Das eigentlich Diskriminierende war, dass ich wieder mal in der Rolle der „armen behinderten Frau“ gesteckt wurde, obwohl ich solange dafür gekämpft habe, nicht ständig damit assoziiert zu werden. Leider konnte ich meine ehrliche Meinung nicht dazu äußern, weil ich wusste, dass ich mich damit selbst komplett ins Aus schießen würde. Schon in der Vergangenheit habe ich versucht meine Berichte zu rechtfertigen und stieß damit auf Granit. Also nickte ich höflich und behielt alles andere für mich. Schließlich waren all meine anderen Texte, die ich bisher für das Magazin geschrieben habe, auch nicht „gut genug“ bzw. nicht „behindert“ genug.
Parallel zu meinem Termin mit diesem Stadtteil Magazin, war das Thema Rechtsextremismus und die Ereignisse in Chemnitz brandaktuell. Alle am Tisch hatten die selbe Meinung und waren sich einig, dass Rassismus und Diskriminierung nicht mehr zu unserem Zeitalter passen. Die Ironie dabei war, dass genau das an diesem Tisch passierte, ohne dass sie es gemerkt haben. Ich war für sie die Behinderte, die auch gefälligst genauso schreiben sollte.
Als ich den Termin endlich hinter mich gebracht habe, fuhr ich zum Bahnhof. Der Ort, der seit meinem Studium, zu meinem zweiten Zuhause geworden ist. Falls ich irgendwann mal vermisst werde, dann sucht einfach am Bahnhof nach mir. Ich wartete am Bahnsteig auf meinem Zug und bemerkte zwei ältere Herren, die über ein ähnliches Thema sprachen. „Jo, Bernd, schau dich doch mo um. Alles nur noch Ausländer. Mia könne ach laut darüber rede. Us versteh doch mittlerweile sowieso kenner mehr.“ (Ja, liebe Leser, so unattraktiv klingt saarländisch!)
Das Gespräch ging noch zehn Minuten so weiter. Lauter Vorurteile darüber, dass alle Flüchtlinge dumm sind und es unter denen keine Akademiker gibt. Einer der beiden schaute mich an und sagte „Ei is doch so, oda?“ Ich blickte genervt zurück und sagte nur, dass es hilft über den Tellerrand zu schauen. Dabei outete ich mich auch als Mensch mit Migrationshintergrund. Ich sah förmlich in ihren Gesichtern, wie entsetzt sie darüber waren. „Domit hät isch awa jetzt gar ned gerechnet. Sie sehe jo iwahaupt ned so aus, da sie im Rollstuhl sitzen.“
Hatten die beiden Männer recht? Ist man als Rollstuhlfahrer automatisch nur noch Rollstuhlfahrer und hat keine Nationalität mehr? Wenn das so wäre, dann wären wir Rollstuhlfahrer ja die tolerantesten Menschen der Welt? Zumindest für die Außenwelt schien es so zu sein. Irgendwie fühlte ich mich plötzlich diskriminiert, weil ich nicht diskriminiert wurde. So als wäre man grade von jemanden abgewiesen worden, an dem man sowieso kein Interesse hatte. Dennoch wollte nicht lange diskutieren und war deshalb froh, dass der Zug pünktlich ankam.
Ich fuhr rein und musste wie immer um mein Platz kämpfen, weil viele erst mal mit gaffen beschäftigt sind. Ist ja auch ok. Da ich seit ein paar Tagen Semesterferien hatte, sah ich ausnahmsweise nicht, wie ein obdachloser Jugendlicher aus, der nach Pfandfalschen sucht, sondern eher wie eine rollstuhlfahrende Version von Palina Rojinski. Was Haare waschen manchmal so ausmacht, dachte ich mir.
Gegenüber von mir saßen zwei junge syrische Männer. Sie unterhielten sich darüber, wie schade es doch sei, dass ich im Rollstuhl sitze. Ich tat so als würde ich auf mein Handy starren und versuchte das Gespräch zu ignorieren. Sie sprachen darüber, wie ich mein Alltag wohl bewältige, wer mir hilft, warum ich vielleicht im Rollstuhl sitze usw.. Alles war harmlos, bis zu dem Punkt, als Sie darüber diskutierten, ob man mit meinem Körper genauso viel anstellen könnte, wie mit dem Körper einer normalen Frau.
„Über war redet ihr da? Schämt ihr euch nicht?“ Beide wollten am liebsten zu Staub zerfallen, als ich das auf arabisch sagte. „Sorry, tut uns leid. Wir wussten nicht, dass du uns verstehst. „Das waren die einzigen Worte, die sie aus sich herausbekommen konnten, bevor ich ausgestiegen bin.
Zuhause angekommen, dachte ich über die Ereignisse des Tages wieder nach und über das Wort Diskriminierung. Ich wurde noch nie aufgrund meines Namens, Herkunft, Geschlecht oder Region diskriminiert. Es ging immer nur um meine Behinderung. Als Mensch mit sichtbarer Behinderung, hat man scheinbar keine Zugehörigkeit oder eine Nationalität. Du bist einfach nur DER ROLLSTUHL (klingt wie ein Kinofilm – Meine Damen und Herren, „DER ROLLSTUHL“! Schon bald auch in ihrem Kino zu sehen.“) Ich bin ja schon froh, wenn jemand sagt „die Rollstuhlfahrerin“. Das heißt der oder diejenige sehen mich zumindest als weibliches Wesen an.
Es bleibt für mich ein Rätsel, wie manche sich das vorstellen, aber zum Entsetzen aller, und ich weiß, dass ich damit grade eine Riesen Bombe platzen lasse, (schrieb die Autorin mit kurdisch-syrischen Wurzeln): Rollstuhlfahrer kommen nicht alle vom Planeten Rolli. Wir reden auch nicht alle auf „rollisch“ miteinander und beten auch nicht in Sanitätshäusern. Ich bin mehr als nur eine Rollstuhlfahrerin. Genauso wie ihr alle, haben Rollstuhlfahrer eine politische Meinung, eine Herkunft, einen Glauben und sogar auch alle einen eigenen Namen. Auch wenn ich die Erste bin, die direkt reagiere, wenn jemand auf der Straße oder in der S-Bahn sagt: „Der Rollstuhl“. Einfach aus Gewohnheit, weil zu oft solche Sätze fielen wie: „Macht mal Platz, der Rollstuhl will durch.“
Obwohl ich diese Phasen schon längst hinter mir habe, ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich ständig versuche, anderen etwas zu beweisen. Doch das ist falsch! Es zählt nur wie man sich selbst sieht und nicht was fremde Leute dir einreden wollen. Diskriminierungen ist behindert und behindert ist diskriminierend. Aber manche zu diskriminieren und andere nicht, ist purer Rassismus.

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